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Traurig, aber Alltag

Vier Personen steigen in einer Essener Bankfiliale über einen am Boden liegenden alten Mann hinweg, erledigen ihre Bankgeschäfte und gehen wieder. Keiner kümmert sich. Das ist unterlassene Hilfeleistung. Sie ist juristisch strafbar und moralisch verwerflich sowieso.

Den Mann liegen zu lassen, seine Not nicht zu beachten, ist unsozial. Aber wenn es stimmt, was Sozialpsychologen sagen, dann sind die vier Personen keine egoistischen Monster, sondern der Normalfall. Davon, dass geholfen wird, könne man nicht ausgehen, sagen sie. Begründet wird das seit Jahrzehnten mit anonymisierten großstädtischen Lebensweisen. Die digitale Revolution hat den Rückzug eines jeden in seine eigene Welt vermutlich noch befördert.

Und sieht ein am Boden liegender alter Mann in einer Bankfiliale nicht aus wie ein Trunkenbold, der im Rausch umgefallen ist? Da will man sich ungern einmischen. Aber es geht einen trotzdem etwas an. Jeder hat eine Mindestmitverantwortung für die anderen, auch vor dem Gesetz. Es gibt Polizei, Feuerwehr, Notärzte, die man anrufen kann – wie es ein anderer Bankkunde später tat. Den Mann hat das nicht mehr gerettet.

Ein guter, ein wichtiger Text von Ariane Bemmer.

Sowas passiert, wenn Politiker nur noch mit sich selbst beschäftig sind, nur noch die nächsten Wahlen im Blick – und kein echtes Interesse an gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen haben. Zum einen fehlt ein neues Schulfach, damit unseren Kindern und Heranwachsenden schon frühzeitig Rechtsempfinden, Tugenden und Werte vermittelt werden. Zum anderen sollte die Politik, so sie denn selbst zum Vorbild taugt, die Menschen stets auf den rechten Weg führen. Verantwortungslosigkeit muss sanktioniert werden, wenn sich etwas ändern soll! Der alte Mann, der in einer Essener Bankfiliale lag, könnte auch unser eigener Großvater gewesen sein, ein naher Verwandter, der beste Freund der Familie …

(t.a., 29.10.2016, 18.46 Uhr)

 

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